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Medizinische Universität Graz    

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Masterarbeit (wissenschaftlich) - Detailansicht

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Bibliografische Informationen
 Pflegeindikatoren in österreichischen Krankenhäusern: Eine Sekundärdatenanalyse zu geschlechtsspezifischen Unterschieden  
 Einleitung: Frauen und Männer unterscheiden sich in biologischen (Sex) und sozialen (Gender) Merkmalen, die Gesundheitsrisiken und pflegerische Interventionen beeinflussen. Systematische Erkenntnisse, ob und wie sich diese Unterschiede in pflegesensitiven Qualitätsindikatoren und Pflegemaßnahmen manifestieren, fehlen bislang. Die sechs international etablierten Nursing-Sensitive Indicators – Dekubitus, Inkontinenz, Mangelernährungsrisiko, Schmerz, Sturz und freiheitsein-/beschränkende Maßnahmen (FEM) – bieten einen geeigneten Ansatz, diese Wissenslücke zu reduzieren. In Österreich werden diese Indikatoren seit 2009 im Rahmen der nationalen Pflegequalitätserhebung (PQE) erfasst; geschlechtsdifferenzierte Auswertungen fehlen jedoch bislang.

Methode: Es wurde eine quantitative Sekundärdatenanalyse der PQE-2.0-Daten aus den Jahren 2019 bis 2023 durchgeführt. Die Daten von 9 289 Patient*innen aus österreichischen Krankenhäusern standen zur Verfügung. Die Erhebung erfolgte durch geschulte Pflegepersonen mit standardisierten Instrumenten (Braden-Skala, MUST, PAS). Geschlechtsspezifische Unterschiede wurden mittels Chi-Quadrat-Tests, Fisher-Tests sowie t-Tests bzw. Mann-Whitney-U-Tests bei α = 0,05 analysiert.

Ergebnisse: Fünf von sechs Indikatoren zeigten signifikante Geschlechtsunterschiede. Frauen wiesen häufiger Harninkontinenz (16,7 % vs. 23,7 %), Sturzrisiko (18,9 % vs. 23,8 %), Schmerzen (53,1 % vs. 58,9 %) und Mangelernährungsrisiko (23,9 % vs. 26,5 %) auf. Die Dekubitusprävalenz war hingegen bei Männern höher (4,0 % vs. 3,2 %), obwohl Frauen öfter Dekubitusrisiko nach Braden aufwiesen (36,2 % vs. 40,3 %). Hinsichtlich der Dekubitusprophylaxe erhielten Frauen häufiger regelmäßige Hautinspektion und Mobilisation; bei Männern wurden vermehrt „keine Maßnahmen“ dokumentiert (8,4 % vs. 6,2 %). In der Inkontinenzversorgung erfolgten bei Frauen öfter Assessment der Inkontinenzform (21,6 % vs. 26,0 %) und individuelle Toilettenzeitpläne (5,4 % vs. 8,9 %). Bei Mangelernährungsrisiko erhielten Frauen häufiger Wunschkost (47,5 % vs. 53,6 %), Männer trotz niedrigerem Risiko öfter Sondennahrung (5,9 % vs. 2,6 %) und parenterale Ernährung (7,6 % vs. 5,3 %). Im Schmerzmanagement erhielten Frauen häufiger nicht-medikamentöse Maßnahmen und Antidepressiva; bei Männern wurden vermehrt keine Interventionen dokumentiert (10,5 % vs. 7,0 %). Zur Sturzprävention erhielten Frauen häufiger Begleitung beim Gehen (34,3 % vs. 43,8 %) und

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therapeutische Übungen (37,8 % vs. 42,1 %), Männer hingegen öfter FEM. Bei FEM wurde die Prüfung von Alternativen häufiger bei Frauen erfasst (40,9 % vs. 59,1 %).

Diskussion: Die Analyse zeigt, dass Geschlecht nicht nur ein Risikofaktor für Pflegeprobleme ist, sondern auch ein Indikator für Versorgungsqualität. Bei Männern wurden über mehrere Indikatoren hinweg vermehrt keine Interventionen durchgeführt, während Frauen häufiger präventive Maßnahmen erhielten. Auffällig ist, dass Männer höhere Dekubitusprävalenz aufwiesen trotz niedrigerem Risiko-Score und vermehrt invasive Ernährungsmaßnahmen erhielten trotz geringerem Mangelernährungsrisiko. Diese Befunde deuten auf geschlechtsspezifische Unterschiede in Symptomkommunikation, Risikowahrnehmung und Interventionswahl hin. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch biologische Faktoren erklären und verweisen auf strukturelle Einflüsse in der pflegerischen Versorgung.

Schlussfolgerung: Geschlechtsstratifizierte Auswertungen sind erforderlich, um Versorgungsunterschiede sichtbar zu machen. Geschlecht sollte routinemäßig in Qualitätsberichten ausgewertet werden. Empfohlen werden proaktive Kommunikationsstrategien bei Männern, kritische Reflexion bei Symptominterpretation bei Frauen sowie Verankerung geschlechtersensibler Pflege in Aus- und Weiterbildung.  
   
 
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Autorinnen*Autoren / Co-Autorinnen*Co-Autoren
  Reinisch, Eva; BSc
Betreuende Einrichtung / Studium
  Institut für Pflege- und Gesundheitswissenschaften
 UO 066 331 Masterstudium; Pflegewissenschaft  
Betreuung / Beurteilung
  Bauer, Silvia; Univ.-Ass. Priv.-Doz. Dr.rer.cur. BSc MSc
  Lohrmann, Christa; Univ.-Prof. Dr.rer.cur.